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Der Schnitt lügt.

Autorenbild: E Werner
E Werner
vor 3 Tagen
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Online-Bewertungen zeigen, dass etwas nicht stimmt. Warum, zeigen sie nicht. Wer danach investiert, behandelt oft das Falsche.


Hotelbewertungen sind die wichtigste Währung der Branche. Kaum ein Hotelier, der morgens nicht zuerst nachsieht, ob der Schnitt gehalten hat. Das ist verständlich. Aber es ist ein bisschen so, als würde man Fieber messen und daraus die Therapie ableiten.


Eine Bewertung ist ein Symptom. Sie zeigt, dass Gäste zufrieden oder unzufrieden sind. Sie zeigt nicht, warum. Und die Forschung zeigt: Selbst das dass ist unsicherer, als der Schnitt vermuten lässt.


Neun von zehn Gästen schweigen

Nach einer Erhebung des Marktforschers Market Metrix schreibt nur etwa jeder zehnte Reisende nach dem Aufenthalt eine Bewertung. Der Schnitt, auf den die Branche schaut, beruht also auf einer kleinen Minderheit.


Und diese Minderheit ist nicht repräsentativ. Die Forscher Nan Hu, Paul Pavlou und Jie Zhang haben gezeigt, dass Online-Bewertungen typischerweise J-förmig verteilt sind: viele Bestnoten, einige Verrisse, kaum etwas dazwischen. Als sie dasselbe Produkt in einem kontrollierten Experiment von allen Testpersonen bewerten ließen, lagen die meisten Urteile in der Mitte. Online zeigte sich das bekannte J. Der Grund: Schreiben tun vor allem die Begeisterten und die Verärgerten. Ihr Fazit: Der Durchschnitt ist ein schlechter Maßstab für die tatsächliche Qualität.


Für ein Hotel heißt das: Die große Mitte, die es „ganz okay“ fand und einfach nicht wiederkommt, taucht in keiner Statistik auf. Ihre Gründe auch nicht.


Wenn alle sehr gut sind, sagt „sehr gut“ nichts

Georgios Zervas, Davide Proserpio und John Byers haben Bewertungen von Unterkünften verglichen. Auf Airbnb hatten fast 95 Prozent der Angebote einen Schnitt von 4,5 oder 5 Sternen. Hotels auf Tripadvisor lagen im Mittel bei etwa 3,8. Noch aufschlussreicher: Wurde dieselbe Unterkunft auf beiden Plattformen bewertet, hingen die Noten nur schwach zusammen.


Dasselbe Haus, zwei verschiedene Urteile. Wer seine Strategie an einer Zahl ausrichtet, die je nach Plattform anders ausfällt, baut auf Sand.


Leerer Frühstückstisch beim Eingang eines Hotelrestaurants

Symbolbild (KI-generiert)


Die Bewertung nennt das Symptom, nicht die Ursache

Ein gedachtes, aber typisches Beispiel: „Frühstück enttäuschend“, steht in einer Bewertung. Die naheliegende Reaktion: neuer Lieferant, mehr Auswahl, eine Live-Cooking-Station. Das kostet Geld und ändert oft wenig.


Vielleicht lag es gar nicht am Buffet. Vielleicht wurde der Gast um 9.40 Uhr an einen Tisch beim Eingang gesetzt, der Brotkorb war leer, und niemand hat gefragt. Das Problem war der Ablauf, nicht das Angebot. In keiner Bewertung wird das so stehen.


Gute Noten machen betriebsblind

Ein guter Schnitt beruhigt. Gerade in Häusern, die lange gut gelaufen sind, entsteht so eine gefährliche Routine. Das Team kennt das Haus zu gut, um es noch mit den Augen eines Gastes zu sehen.


Und dann wird investiert: in einen neuen Pool, einen größeren Spa, ein weiteres Restaurant. Oft nicht, weil Gäste danach verlangt hätten, sondern weil der Mitbewerber es auch hat. Behandelt wird das Symptom, oder etwas, das gar nicht krank war.


Tablet und Stift auf einem Holztisch in einem Hotelzimmer

Symbolbild (KI-generiert)


Erst die Ursache, dann die Investition

Ein Experience Audit beginnt dort, wo die Bewertung aufhört. Ich buche anonym, reise an wie jeder andere Gast und erlebe den gesamten Aufenthalt, vom ersten Klick auf der Website bis zur Abreise.


  • Die Bewertung fasst ein Gefühl im Nachhinein zusammen. Das Audit dokumentiert Schritt für Schritt, was tatsächlich passiert.

  • Die Bewertung stammt von einer Minderheit. Das Audit prüft auch das, worüber niemand schreibt.

  • Die Bewertung nennt das Symptom. Das Audit sucht die Ursache: Ablauf, Angebot, Kommunikation oder eine falsche Erwartung.

  • Die Bewertung liefert Einzelstimmen. Das Audit liefert eine geordnete Auswertung: Was bleiben soll, was sich mit wenig Aufwand verbessern lässt, was weg kann und welche Investition man vorher prüfen sollte.


Dabei trenne ich klar zwischen dem, was ich beobachtet habe, meinem persönlichen Eindruck und den Empfehlungen, die sich daraus ergeben. Die Entscheidung bleibt bei der Geschäftsführung, aber sie fällt auf einer besseren Grundlage.


Frühwarnsystem, keine Diagnose

Niemand sollte Online-Bewertungen ignorieren. Sie zeigen früh, dass etwas nicht stimmt. Aber wer wissen will, wohin die nächste große Investition fließen soll, braucht mehr als einen guten Schnitt. Er braucht die Ursache.


Denn die teuerste Investition ist nicht die, die zu viel kostet. Sondern die, die Ihre Gäste nicht vermissen würden.


Eva Maria Moser-Werner, Gründerin EMPACTS


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Quellen

 
 
 

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